Verträge regeln Austauschverhältnisse. Aber nicht alles, was Menschen in einem Konflikt bewegt, lässt sich einklagen. Über Anerkennung, Eisberge und das Verfahren, in dem das Individuum in den Fokus rückt.
Aus der Mediations-Praxis · WSS Mediationszentrum Südwest
Unsere Welt ist durchzogen von Vereinbarungen – Kaufverträge, Handwerkerleistungen oder auch das Anmieten von Räumlichkeiten. Allen diesen Vereinbarungen gemein ist, dass sie ein Austauschverhältnis regeln, nämlich in Form einer Leistung (Übertragung des Eigentums an einem Gegenstand, Reparatur des tropfenden Wasserhahns oder das Überlassen von Räumlichkeiten). Hierzu werden als rechtliche Grundlage Verträge geschlossen, die das Austauschverhältnis verschriftlichen und regeln sollen. Was diese Verträge jedoch nicht können, ist auf die Bedürfnisse der Beteiligten einzugehen, welche im Zusammenhang mit dem jeweiligen Vertragsverhältnis entstehen, aber nicht zwingend einen direkt erkennbaren daraus abgeleiteten Bezug zum Austauschverhältnis haben.
Eine kleine Gemeinde vermietet seit Jahrzehnten Praxisräumlichkeiten an einen Physiotherapeuten. Der Vertrag ist noch aus den 90ern und relativ allgemein gehalten. Der Therapeut möchte seit Jahren schon, dass die räumlichen Gegebenheiten seiner Praxis auf einen aktuellen Stand gebracht werden, da die aktuellen Räumlichkeiten nicht mehr den heutigen hygienischen Standards in Bezug auf die Reinigung entsprechen. Die Gemeinde wiegelt ab und vertröstet den Therapeuten immer wieder („das machen wir im nächsten Haushaltsjahr", „gerade ist kein Geld da"). Eine andere Praxis im gleichen Gebäude wird jedoch aus Mitteln der Gemeinde für den dortigen Mieter modernisiert.
Es gibt nun verschiedene Möglichkeiten: Der Therapeut könnte versuchen, die Gemeinde mit einem scharfen Schriftsatz durch seinen Anwalt und ggf. einer anschließenden Klage zum Handeln zu bewegen. Allerdings möchte er auch das Verhältnis zur Gemeindeverwaltung nicht gänzlich eintrüben. Das wäre aber die Begleiterscheinung eines klassischen anwaltlichen Handelns – egal ob man vor Gericht gewinnt oder verliert, weil der Vertrag das gewünschte Ergebnis doch nicht hergibt.
Der Therapeut könnte aber auch versuchen – und das ist als erster Schritt für ihn schwer – einen Schritt auf die Gemeinde zuzugehen. Denn es geht ihm nur vordergründig um Böden, Lampen oder Wandanstriche. Es geht ihm darum, gesehen zu werden, ernst genommen zu werden, nicht immer als eine Nummer im Haushalt betrachtet zu werden. Es geht ihm darum, dass die Gemeinde anerkennt, was diese Praxis seit Jahrzehnten für die örtliche Bevölkerung getan hat.
Dieses Ziel – „gesehen werden", „Anerkennung erfahren" – kann jedoch nicht eingeklagt werden. Es gibt keinen Titel auf dieser Welt, mit dem ein Gerichtsvollzieher zur Gemeinde gehen könnte, um zu vollstrecken, dass man die Lebensleistung des Therapeuten anerkennt oder sieht.
Was nun denkt sich der Therapeut? Es gibt ein Verfahren, das genau hier wie die Faust aufs Auge passt. Ein Verfahren, in dem es um mehr geht als um Geldzahlungen oder leicht zu reinigende Böden. Ein Verfahren, das das Individuum in den Fokus nimmt – und in die Verantwortung. Ein Verfahren, in dem Gemeinde und Therapeut eigenständig und nicht fremdbestimmt das erste Mal einander sichtbar und erlebbar machen können, was den jeweils anderen eigentlich bewegt. Und das so Räume für Lösungen jenseits der klassischen Pfade ermöglicht, weil die Parteien gegenseitiges Verständnis dafür entwickeln konnten, was den anderen bewegt, antreibt und leitet.
Und was für ein Wunderverfahren ist das? Es ist das Mediationsverfahren. In diesem leitet ein neutraler, unparteiischer Dritter die Konfliktparteien dazu an darzustellen, was sie wollen – und vor allem, warum sie das wollen. Dieser Mediator macht das für die Parteien erlebbar und eröffnet so neue Lösungsmöglichkeiten, welche die Parteien selbstständig erarbeiten.
Haben wir Ihr Interesse geweckt? Haben auch Sie einen Konflikt, der Sie belastet und in dem es um mehr geht, als man vordergründig denkt? Konflikte sind wie Eisberge – das wirklich Relevante liegt oftmals verborgen unter der Oberfläche.
Vereinbaren Sie gerne ein Kennenlerngespräch, damit wir erkunden können, ob auch Ihnen diese Methode dabei helfen kann, den Teil des Eisbergs sichtbar zu machen, der unter dem Wasser liegt.